Pečar, A./Würth, I.: Verketzerungsprozesse

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Verkaufspreis50,00 €

Andreas Pečar/Ingrid Würth (Hg.)
Verketzerungsprozesse
Kontinuität und Wandel religiöser Ausgrenzung in der Vormoderne (12.–17. Jahrhundert)
Quellen und Forschungen zur Geschichte Sachsen-Anhalts, Bd. 33
Fachbuch

320 S., geb., 155 × 230 mm, Farb- und s/w-Abb.
ISBN 978-3-68948-031-8

ET: März 2026


Wie Luthers Fake News den Bauernkrieg beeinflussten

Im Vorfeld des Bauernkriegsgedenkens 2025 wurde auf einer wissenschaftlichen Tagung in Stolberg ein Phänomen in den Blick genommen, das bei der Auseinandersetzung mit Thomas Müntzer und anderen Vertretern der „radikalen Reformation“ eher selten beachtet wird: die „Verketzerung“ dieser Gruppierungen durch die etablierten Wittenberger Reformatoren. Luther und Melanchthon lenkten die Berichterstattung über Müntzer und die von ihm angeblich angestifteten Bauern sowie über die Täufer bewusst so, dass das rigide Vorgehen gegen die Aufständischen aus religiöser Perspektive gerechtfertigt wurde. Die radikalen Ansichten und Aussagen ihrer Gegner sind dabei oftmals nur in Schriften der Reformatoren erhalten. Dieses Verfahren, Konkurrenten jeglicher Art – politischer, sozialer, religiöser – durch Häresievorwürfe zu schädigen und in letzter Konsequenz auszuschalten, ist im 16. Jahrhundert jedoch keineswegs neu. Bereits im Mittelalter wurde es in verschiedenen Kontexten zur Anwendung gebracht.
In einem epochenübergreifenden Zuschnitt wurde auf der Tagung der Mechanismus der Verketzerungen untersucht, angefangen mit der „Erfindung“ der Katharer im 13. Jahrhundert. Den Schwerpunkt bildete jedoch der mitteldeutsche Raum im Spätmittelalter und im 16. Jahrhundert. Die Beiträge befassten sich mit Häresievorwürfen und deren Instrumentalisierung in sozialen und politischen Konflikten im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit, z. B. im städtischen Kontext oder in den Auseinandersetzungen der Reformationszeit mit den Anhängern Müntzers, den Täufern und anderen devianten Gruppierungen. Im Vergleich mit spätmittelalterlichen Vorläufern und späteren frühneuzeitlichen Ausgrenzungsphänomenen wurde bewertet, inwiefern die Ausgrenzungsmechanismen der Wittenberger Reformatoren sich in lange Traditionslinien einbetten lassen oder aber durch besondere Merkmale der Verketzerung hervortreten.


Prof. Dr. Andreas Pečar, geb. 1972, studierte Mittelalterliche, Neuere und Alte Geschichte sowie Germanistik in Freiburg und Köln. Er ist Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

PD Dr. Ingrid Würth, geb. 1978, studierte Mittelalterliche Geschichte in Jena und Siena. Sie ist Wiss. Referentin bei der Friedrich-Christian-Lesser-Stiftung und Mitglied der Historischen Kommission für Sachsen-Anhalt.


Inhalt

Andreas Pečar/Ingrid Würth: Vorwort…7
Andreas Pečar/Ingrid Würth: Verketzerungsprozesse. Kontinuität und Wandel religiöser Ausgrenzung in der Vormoderne (12.–17. Jahrhundert)…9
Markus Krumm: „In provintia Narbonensi, ubi quondam fides floruerat […]“. Kontexte und Strategien von Verketzerung im Vorfeld und während des Albigenserkreuzzuges…24
Georg Modestin: „Sed reversus ad vomitum colligere et disseminare discipulos non desistit“. Die Verketzerung der ersten Waldenser am Ende des 12. Jahrhunderts…48
Cornelia Linde: Unlautere Methoden. Stimmungsmache gegen die Templer in Jean de Pouillys Quodlibet V.15…66
Stefan Rhein: Der Ketzerkatalog. Eine häresiografische Gattung in den konfessionellen Kontroversen des 16. Jahrhunderts…80
Thomas Hahn-Bruckart: Von „Schwermern“, „Geystern“, „Pickarden“ und „Böhmen“. Semantiken der Verketzerung im Kontext der frühen Wittenberger Reformation…111
Friedemann Stengel: Polemik und Produktion. Bauernkrieg, Bekenntnis, Lehrbuch…129
Marianne Taatz-Jacobi: Mordprophet Müntzer. Strategien und Rhetoriken der Verketzerung Thomas Müntzers durch die Wittenberger Reformatoren…159
Jakob Debelka: Das Urteil gegen den Täuferprediger Ambrosius Spittelmaier im Jahr 1528. Ein Beitrag zur Stigmatisierung der Täuferbewegung…178
Andreas Lindner: Von Ketzern und Ketzermachern. Die Täufer in der Perspektive der Wittenberger Reformation…208
Aneke Dornbusch: „Er hatte 24 Frauen“. Sexuelle Devianz als Topos in Verketzerungsprozessen der Reformationszeit…231
Andreas Pečar: Eine Arminian Revolution in Stuart-England? Wie die neuere Kirchengeschichte der zeitgenössischen Verketzerungsrhetorik auf den Leim geht…255
Simon Franzen: Das „Quaker-Irrlicht“ und die „Rettung der Göttlichen Wahrheit“. Christoph Heinrich Löbers (1634–1705) Konstruktion des Quäkertums als Irrlehre…275
Katharina Neef: Ketzer als das verkörperte Andere. Stereotype über Ketzer, Sekten und andere, mit denen man nichts zu tun haben will…295

Autoren und Herausgeber…316
Bildnachweis…318