Steier, Christoph: Tauchertage

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Verkaufspreis18,00 €

BESCHREIBUNG

Christoph Steier
Tauchertage
Roman

192 S., geb. mit SchU
ISBN 978-3-89812-540-6

 

Die Geschichte einer Jugend zwischen Anpassung und Aufbegehren

Schön sein, schlau sein, frei werden. So weit der Plan. Aber Kilian schafft es nur bis zur nächsten Toilette. Vollstopfen, auskotzen, alles vergessen. Den Zivildienst, die Sehnsucht, die Angst. Stattdessen Tauchgänge, Tag für Tag. Bis die Luft wegbleibt und Kilian im Krankenhaus aufwacht.
Charlotte ahnt nichts von der Notlage ihres besten Freundes. Bei ihr läuft alles nach Plan. Schon im ersten Semester hat sie Zugang zu Hamburgs besten Kreisen gefunden und führt ein schnelles, schönes Leben. Aber etwas fehlt. Als sie von Kilians Bulimie erfährt, nutzt Charlotte die Chance zur Auszeit und eilt ihm zu Hilfe. Gemeinsam brechen die Freunde auf zu einer Insel. Weit weg von den alten Geschichten. Weit genug für einen neuen Anfang?
»Tauchertage« erzählt die Geschichte einer Jugend zwischen Anpassung und Aufbegehren, die Geschichte zweier Suchender, die nicht wissen, ob alles gerade erst anfängt oder schon lange gelaufen ist. Ein genau erzählter Roman über unsere Gesellschaft der feinen Unterschiede und jenen großen Hunger, der längst auch für Männer zum Alltag gehört.

autor

Christoph Steier, geboren 1979 in Bielefeld, lebt in Zürich und an der Ostsee. Studium der Literaturwissenschaft in Erfurt, Dublin und Zürich. Für seine Kurzprosa wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet. »Tauchertage« ist sein erster Roman.

Pressestimmen

»Man liest die Geschichte von Kilians Heißhunger, insbesondere den Part seines Klinikaufenthaltes und der schließlich beginnenden Genesung, mit Gewinn, weil der Autor in den Passagen der Innensicht seiner Hauptfigur eine originelle Sprache für diese gesellschaftlich brisante Problematik findet. Bulimie betrifft, wie viele Therapeuten und Lehrer zu berichten wissen, längst nicht mehr nur das weibliche Geschlecht.«
Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 23. Mai 2008

»Klug geschrieben und aufrichtig erschütternd. Es ist ein großes Verdienst des mehrfach prämierten Autors, sich des Themas ›männliche Magersucht‹ anzunehmen. Christoph Steier setzt allerdings nicht auf bloße Schockeffekte. Er fragt nach den kulturellen Hintergründen dieser Krankheit. Hier will sich niemand mit schönen Sätzen einschmeicheln. Hier geht es hart zur Sache. Dieses Buch ist an keiner Stelle amüsant, ironisch, kuschelweich, tanzbar, pop. Doch es kommt zur rechten Zeit, zur Hochphase der Pro-Ana-Bewegung, die Schlankheitswahn als Lebensstil umcodieren will.«
1LIVE (einslive.de), 6. August 2008

»Ein sensibles Psychogramm.«
U­_mag, April 2008

»Bewegendes Debüt.«
FHM, Juni 2008

»Die rotzige Sprache passt ausgezeichnet zu dem Klima von Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit. Realistisch und sprachlich sehr ausdrucksstark.«
kultura-extra.de, 26. Mai 2008

Leseprobe

Wie unglaublich schön, fast schon lächerlich hübsch Sina war, bemerkte Kilian erst, als sie am Abend vor seiner Tür stand. Natürlich erkannte er sie nicht. Da stand nur diese Frau, das Gesicht gerahmt von halblangen Locken und einer hellen Fake-Fur-Kapuze, und hielt ihm sein Portemonnaie entgegen. Als wäre die Szene nicht schon absurd genug, war kurz zuvor ein Schneetreiben losgebrochen. Über der sonst so angefressenen Straße lag eine große Ruhe, und noch immer purzelten dicke Flocken aus dem Nachthimmel herab. Eine landete direkt auf Sinas Nasenspitze. Sie pustete sie weg und wedelte mit dem Portemonnaie. »Hier, hast du im Solarium vergessen.«

Kilian hatte den Verlust noch gar nicht bemerkt und fühlte sich bei dem Wort »Solarium« unwillkürlich ertappt. Also stammelte er bloß »Ich?« und schüttelte linkisch den Kopf.

»Das ist doch deins«, sagte Sina und schaute irritiert zu ihm auf. Da trieb eine Böe Flocken durch die Tür und wehte Sina praktisch mit hinein. Nach ein paar Minuten ungelenken Geplauders bat Kilian sie endlich in die Wohnung und lotste sie in die Küche, wo sie nur einen Tee trinken wollte. Nein, gekifft hatte sie noch nie, wozu auch, und das Portemonnaie, ach, sie wohne nicht weit entfernt und sei einfach auf dem Heimweg vorbeigekommen. Kein Problem. Es war nett, es war ganz einfach. Nur einmal stockte das Gespräch, als Kilian fragte, was sie denn eigentlich mache.

»Wie, eigentlich? Manchmal arbeite ich sechzig Stunden die Woche im Florida, reicht das nicht?« fragte sie verdutzt, und Kilian war nicht minder erstaunt, dass es Menschen unter fünfundzwanzig gab, die nicht »eigentlich« studierten oder ein anderes Projekt verfolgten.

»Und du, was treibst du?«, wollte Sina nun wissen.

»Fegen«, antwortete Kilian. Sina lachte, wahrscheinlich hatte sie seinen Ziviausweis längst gesehen. Beim Lachen berührte sie kurz seinen Arm, einfach so. Sie roch gut, auch nach zehn Stunden Arbeit.

»Schön«, sagte sie vor sich hin, »es ist schön hier.« Obwohl es nicht stimmte. Aber vielleicht mochte sie gerade das Unbehauste der zusammengewürfelten Küche, in der sie beide bloß Gäste waren.

Später kam Else und wollte Eier leihen. Er hatte sie wohl vom Hof aus gesehen, für seine Verhältnisse war er regelrecht gestylt. Was nicht bedeutete, dass er sich von seiner gesprenkelten Workout-Hose getrennt hatte. Sina nahm es entspannt. Nachdem Else nuschelnd abgezogen war, sagte sie bloß »Was seid ihr denn für welche« und war nicht weiter irritiert.

Alles an dieser Situation war unwahrscheinlich; jeder war dem anderen in einer Hälfte des Lebens überlegen. Aber Sina schien davon nichts zu bemerken, oder es störte sie nicht. Und Kilian? Wurde warm und holte dann doch eine Flasche Wein von der Trinkhalle am Ende der Straße. Während er durch den lockeren Schnee stapfte, überlegte er ernsthaft, ob er bisher die falschen Prioritäten gesetzt hatte.

Später, als sie in dem provisorischen Wohnzimmer auf der einzigen Matratze saßen und Wein aus Henkeltassen tranken, zog Sina ein Suhrkampbändchen aus der brav nach Regenbogenfarben geordneten Reihe. »Liest du die freiwillig? Die Dinger habe ich schon seit der Schule nicht mehr gesehen. Faust und so, wie heißen die noch mal?«

Kilian stellte das Buch zurück an seinen Platz, sagte tastend sarkastisch »Reclam« und schenkte nach.

Später bei den Platten kannte sie wenigstens Tori Amos. »Da habe ich immer gleich eine Geschichte im Kopf, obwohl ich nicht alles verstehe.« Sina war verlegen, aber Kilian, der keine Erfahrung mit Gerade-so-Mittlere-Reife-Mädchen hatte und die Fähigkeiten anderer Menschen ohnehin notorisch überschätzte, nickte aufmunternd und spielte Winter zwei Mal. Dann versuchte er es mit Lucinda Williams, später auch mit Cat Power und Keren Ann. Sina fand alles »nett«, manchmal auch »wahnsinnig intensiv«, und wurde immer müder. Auch das war ein 1a-Anblick. Schließlich ließ sie sich ohne jede Affektiertheit an Kilians Schulter fallen und murmelte: »Krass, dass du diese ganzen Platten hast. Wusste gar nicht, dass es überhaupt noch Platten gibt. Sieht schon geil aus, mit dem großen Cover und allem.« So konnte man das auch sehen, fand Kilian und war bestürzend glücklich.

Als Sina gegen Mitternacht ein Taxi rief, hätte er ihr gern das Telefon aus der Hand genommen und sie nach Hause gebracht. Wenn es doch so nah war. Doch in ihren Bewegungen lag etwas Bestimmtes, etwas, das ihm voraus war, ein anderes Leben vielleicht. Zur Tür durfte er sie aber noch begleiten.

Draußen knisternder Schnee, Hundskälte und winzige Sterne, alles da. Als Sina ins Taxi stieg und seinen fragenden Blick sah, sagte sie: »Jetzt weiß ich ja, wo ich dich finde, Hungerhaken.« Nachdem der Wagen verschwunden war, blieb Kilian noch einen Moment stehen. Alle Fenster waren dunkel, und so schien die Straße plötzlich schneeweiß und weit.

 

Am schönsten war Sina, wenn sie samstags durch den Messepark schlenderten und Kilian sich ein wenig zurückfallen ließ, um sie in Ruhe zu betrachten. Da lief sie dann in ihrer ganzen Herrlichkeit, und jedes Mal, wenn sie am Schwanenteich vorbeikamen, verkündete sie triumphierend: »In England gehören alle Schwäne der Königin! Wusstest du nicht, Superhirn, was?«

Und Kilian nickte und schämte sich, weil ihm »gutaussehend« immer bloß ein fader Trostbegriff für diejenigen gewesen war, die niemand »hübsch« nennen konnte. An jenen klaren Wintertagen aber, wenn Sina so vor ihm herlief oder die deutschen Volksschwäne mit den Resten vom Frühstück bewarf, regte sich in dem fahlen Wörtchen eine nie gekannte Fülle, und er begann wieder zu hoffen. Vielleicht gab es ja doch irgendwo eine Welt zu den Wörtern, die er so fleißig gefressen hatte.

An solchen Tagen schien es ihm sogar möglich, mit Eve 120 und ohne Genitiv zu leben.