Țuculescu, Radu: Stalin, mit dem Spaten voran!

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Verkaufspreis24,00 €

Beschreibung

Radu Țuculescu
Stalin, mit dem Spaten voran!
Aus dem Rumänischen von Peter Groth
Roman

256 Seiten, gebunden, 135 × 210 mm
ISBN 978-3-95462-994-7

Erschienen: März 2018


Ein Meisterwerk der rumänischen Gegenwartsliteratur

Dieser autobiografische Roman entwickelt sich auf zwei Ebenen. Die erste widmet sich der Kindheit des Protagonisten Adrian Loga in einem Provinzstädtchen unter einem stalinistischen Regime, wo er in einem multikulturellen Milieu unter Rumänen, Sachsen, Ungarn, Juden und Roma aufwächst. Er lernt den Hass der Kommunisten auf die Intellektuellen kennen. Unbekannte brechen ihm die Finger der linken Hand und setzen damit seiner Karriere als Violinist ein Ende.
Auf der zweiten Ebene befindet sich der erwachsene Adrian im Postkommunismus. Die Diktatur brachte ihm den Verlust seiner Karriere, die Demokratie das Scheitern seiner Gefühle. Wie viele andere versteht auch er kaum die neuen Umstände. Seine Frau verlässt ihn, um mit einem anderen Mann im Ausland zu leben. Er bleibt mit seiner Tochter zurück, die er fast inzestuös liebt. Er begegnet einer Studentin, die ihm einen Einblick in die Ziellosigkeit der Jugend gewährt. Sie muss Kunstbücher und Zeitschriften – und manchmal auch sich selbst – verkaufen, um zu überleben. Das Ende ist wie der Fall einer Guillo­tine …

Autor

Radu Țuculescu, geb. 1949 in Târgu Mures (Rumänien), studierte am Konservatorium für Musik Violine, arbeitete mit einer Gruppe von Pantomimen und als Theaterregisseur. Er ist Leiter der Kulturabteilung des rumänischen Fernsehens, für das er auch als Redakteur und Produzent tätig ist. Er gehört der sogenannten »1980er Generation« Rumäniens an. Tuculescu veröffentlichte Lyrik, Theaterstücke sowie theatergeschichtliche Texte, Kurzprosa und Romane sowie Übersetzungen aus dem Deutschen ins Rumänische.

Leseprobe

An jenem Tag war ich in der Küche mit einem Malbuch beschäftigt. Das Radio stand auf dem Schrank. Es war eine große, braune Holzkiste. An der Vorderseite war ein gelbliches Netz, zwei Knöpfe, eine längliche Scheibe mit Linien und Zahlen, unter der sich ein rotes Streichholz bewegte. Es war ein deutsches Gerät. Ich nahm an, dass in dieser Kiste kleine Zwerge von der Größe des Däumlings versteckt waren, die den ganzen Tag redeten und sangen. Wenn Mama in der Küche arbeitete, dann war das Radio an. Während ich mit dem Ausmalen beschäftigt war, kamen mir Worte und Musikfetzen ins Ohr. An jenem Morgen sprachen die Zwerge mit ernsten, weinerlichen Stimmen und spielten langsame, traurige Musik. Es war ein Mann gestorben, den man Stalin nannte. Mir kam der Name bekannt vor, ich hatte ihn schon im Haus oder zwischen den Holzstapeln gehört.
Ich malte mit der Nase fast ans Papier geklebt. Mama schimpfte nicht mehr mit mir wegen meiner Haltung, wie sie es sonst immer tat und mich dann ermahnte, dass ich noch blind werde und eine Brille bräuchte. Sie war diesmal zu sehr mit dem Kochen beschäftigt. Am Abend sollten Gäste kommen. Mir erschien es seltsam, dass man ausgerechnet mitten in der Woche eine Feier machte. 
»Wer war Stalin?«, fragte ich Mama, ohne die Augen vom Blatt zu nehmen.

Pressestimmen

»Die heiteren Episoden strahlen Geborgenheit aus, lesen sich rund und geschliffen, zeigen eine unschuldige, kindliche Sicht auf die Welt.«
Christine Chiriac, Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien, 5. Oktober 2018

»Tuculescu schreibt nie belehrend oder klagend, sondern so, wie man es noch Mitte der siebziger Jahre im Rumänien Ceausescus zu hören bekam: Es ist eben so, wenn man in diesem Land lebt.«
Albrecht Franke, Ossietzky, 4. August 2018

»Ein komplexer und rauher Roman.«
www.kultro.de, Frühjahr 2018

»Wenn alles aus der rumänischen Literatur von heute so packend ist, dann, liebe Buchhändler, liebe Leser, nur zu!«
neues deutschland, Buchmessebeilage, 15.03.2018

Interview

Wie viel Radu Țuculescu steckt tatsächlich in Ihrem Buch, also wo beginnt der autobiographische Teil und wo hört er auf?
Der Roman ist teilweise autobiographisch. Freilich laufen biographische Realität und Dichtung, die stellenweise zur magischen Realität wird, wie sie mir gefällt, ineinander. Die Grenze zwischen wahr und erfunden ist kaum sichtbar, verschwindet oft. So entsteht die Literatur. Die Verse über Stalin entsprechen der Wirklichkeit, ich habe sie damals spontan gedichtet. Ich war drei Jahre alt. Mutter hat es mir später erzählt. Ich brüllte damals mitten in der Stadt, stolz auf meine Dichtung. Zum Schreck meiner Mutter. Sie zog mich unter ein Tor und ohrfeigte mich, was sie sonst nie tat. Es war mein erster Kontakt mit der... Zensur! Allein die Aussprache des Wortes Stalin war damals schon Grund zur Besorgnis …

Sie sind gleichzeitig auch Theaterregisseur. Hat diese Tätigkeit Ihr Schreiben beeinflusst, wenn ja, wie?
Wahrscheinlich beim Schreiben meiner Theaterstücke. Die Musik hingegen hat entschieden einen Einfluß auf mein literarisches Schaffen. Ich habe 17 Jahre lang Violine studiert und fünf Jahre in einem Orchester gespielt. Mein Violinstudium habe ich auf der Musikhochschule abgeschlossen. Die Struktur meiner Romane ist eindeutig musikalisch. Klangfarbenwechsel von Dur auf Moll, Rhythmuswechsel, wohlklingende oder missklingende Akkorde, Solodarbietungen der Romanpersonen, kontrapunktierte Zweigespräche und so weiter. Wie in der Musik bedingt das Thema die Form. Deshalb sind meine Romane so verschieden, ich wiederhole mich nicht. Vorläufig wenigstens. Der Klang des Satzgefüges ist wichtig für mich, das harmonische Spiel zwischen komisch und dramatisch, poetisch und grotesk, Sinnlichkeit und Sinnlosigkeit usw. Während des Schreibens höre ich Jazzmusik, ich bin in Jazz, vor allem klassischen Jazz verliebt. Mit dem Kugelschreiber schreibe ich in Hefte, dann übertrage ich alles auf meinen Rechner.

Wie wurden Sie selbst zum Schriftsteller?
Ich denke das war mein Schicksal. Meinen ersten »Roman« verfasste ich mit zehn, in der vierten Grundschulklasse, mit dem Bleistift in einem Heft. Das Heft habe ich aufbewahrt. Der Titel ist »Abenteuer der Elbe«, die Elbe war ein Schiff und die Geschichte dreht sich um Piraten, Banditen, unbekannte Inseln und dergleichen mehr. Mutter war eine einfache Frau, eine großartige Erzählerin. Mein Vater war Arzt, ein ernster und recht gläubiger Mensch, der eine beeindruckende Bibliothek besaß. Meine Kindheit verbrachte ich in Sächsisch Regen, in Siebenbürgen (Transylvanien), neben einem geheimnisvollen Wald, am Ufer eines Flusses. Ich habe Violine und die Geheimnisse der Musik studiert. Mein Werdegang als Schriftsteller wurde von diesen Tatsachen unbedingt beieinflußt. Ich spiele Violine, selbst wenn ich Prosa oder Theater schreibe! Und umgekehrt!