Hoba, Christine: Die Waldgängerinnen

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Verkaufspreis12,90 €

BESCHREIBUNG

Christine Hoba
Die Waldgängerinnen
Roman

272 S., KlBr.
ISBN 978-3-89812-733-2

 

Vier Frauen, die sich in einem ehemaligen Waldgasthof zu einer Wohngemeinschaft zusammengefunden haben: die Bildhauerin, der die Glaslobby als Atelier dient, die Gärtnerin, die hier ökologischen Landbau betreibt, die Ruhe suchende Übersetzerin und manische Joggerin sowie ihre unternehmungslustige Schwester, die als Angestellte täglich in die Stadt pendelt. Es könnte so schön sein, doch die Vergangenheit der Frauen bestimmt das Denken und Handeln auch an dem idyllischen Rückzugsort. Resignation, Neid und Misstrauen machen sich breit – bis eines Tages der erwachsene Sohn einer der Frauen seinen Besuch ankündigt und frischen Wind in die Gemeinschaft bringt.

autorin

Christine Hoba, geb. 1961 in Magdeburg, lebt in Halle. Chemiestudium und Ausbildung zur Buchhändlerin und Bibliotheksassistentin, arbeitet in einer wissenschaftlichen Bibliothek. 2002 3. Platz beim MDR-Literaturwettbewerb. 2006 erschien ihr Romandebüt »Die Abwesenheit – eine Nachforschung« im Mitteldeutschen Verlag.

Pressestimmen

»Eine düstere Geschichte, die die negativen Formen menschlichen Zusammenlebens aufzeigt.«
Evangelisches Literaturportal e.V., 2010

»Eine Geschichte, deren Sprache bilderreich ist und voller Symbolik. Besondere Empfehlung.«
ekz.bibliotheksservice

»Eine wunderbare Geschichte von vier Frauen. Die präzise geschriebene Erzählung wechselt zwischen den Perspektiven der Protagonistinnen, so dass man richtig hineingezogen wird in den Mikrokosmos von Gefühlen und von Verletzungen, die sie sich gegenseitig zufügen. Sehr menschlich, sehr spannend und mit einem überraschenden Ende.«
Radio Blau, 28. November 2010

»Anstatt ein Dickicht aus komplexen Handlungssträngen und Nebenschauplätzen zu bauen, gestaltet die Autorin ein kammerspielähnliches Szenario mit parabelhafter Verdichtung: ganze 24 Stunden umfasst die Handlungszeit, wobei das Durchschreiten der nächtlichen Finsternis sinnbildlich zu verstehen ist. Auch die Figurenkonstellation konzentriert sich auf das Miteinander weniger Figuren und erreicht dennoch in den besten Momenten die Intensität eines Thrillers: wie die vier Frauen in Dialog und Gedanken ihre Gefühle wie Enttäuschung, Einsamkeit und Angst einander vorwerfen, ist trotz der Bitterkeit auch unterhaltsam und manchmal witzig.«
Kunststoff. Das Literaturmagazin aus Mitteldeutschland, Heft 21/2010


»Christine Hoba geht es vor allem um die Innenansichten von Menschen - was sie treibt, welche Wunden ihnen zugefügt wurden und dass sie deshalb so sind, wie sie sind. Und um die Unmöglichkeit das alles zu erkennen.«
MDR Thüringen Journal, 7. Februar 2012

Leseprobe

Helene stellt die Auflaufform, in der der Käse wie Magma blubbert, auf den Küchentisch. Ein würziger Duft steigt auf. Aus der Gaststube dringt der leise Knall des aus der Flasche springenden Korkens. Robert kommt ihr verändert vor. Wie hat ihn die Großmutter früher genannt? „Mein singendes, springendes Löweneckerchen.“
Sie nimmt das breite Messer und den Heber aus der Schublade. Er scheint ernster geworden zu sein. Als ob es nicht mehr so unentwegt in ihm singt. Falls sie das nach zwei Minuten beurteilen kann. Vielleicht ist es möglich, überlegt sie und greift zu den Topflappen, mit ihm endlich über Anton zu reden. Mit wem könnte sie es sonst tun? Er war doch bis zum Ende dabei. Vielleicht kann er ihr sagen, ob sie Anton zu lange festgehalten hat. Warum Anton nicht mehr gesprochen hat mit ihr.
Sie trägt den Auflauf in die Gaststube, stellt ihn zwischen die Leuchter. „Sagst du den beiden anderen Bescheid?“, fragt sie Karen.
„Mach ich.“ Karen geht ins Treppenhaus. Ihre helle Stimme erklingt. „Abendbrot!“ Dann klappern ihre Schritte in Richtung Tanzdiele.
Robert zündet die Kerzen an. „Sieht ja aus wie beim Geburtstag.“
„Ja, warum nicht? Wir feiern deinen Geburtstag nach.“ Sie beißt sich auf die Lippen. Das klang doch bestimmt nach einem versteckten Vorwurf. Robert sieht mit einem Mal störrisch aus. Von oben rumsen Schritte die Treppe hinunter.
„Das ist Bo“, erklärt sie.
„Habe ich vorhin schon kurz gesehn.“
„Na, du wirst sie gleich besser kennenlernen.“ Sie blickt zur Tür, die mit einem Ruck aufgerissen wird. In eine hässliche Kunstpelzjacke gehüllt, mit dem Gang eines Seemanns durchquert Bo den Raum.
„’n Abend. Wird man platziert?“
„Such dir was aus.“
Bo setzt sich ihr gegenüber. Den Feind im Auge behaltend, denkt Helene und beobachtet, wie Bo auf den Auflauf starrt. Wie ein Hund, denkt sie und kann es Bo nicht verzeihen, dass sie sie heute Nachmittag anbetteln musste. Wo hat die bloß diese widerliche Felljacke her? Die ganze Erscheinung ist abstoßend, dieser dumpfe Körper, der seitlich gelegte Kopf. Fehlt nur noch, dass sie sabbert.
„Gibt’s schon mal ’n Glas Wein?“
„Wir sind noch nicht vollzählig.“
„Ulrike kommt in zwei Minuten.“ Karen segelt in den Raum. „Hat schon alles zusammengeräumt.“ Sie nimmt die Flasche und gießt Roberts Glas voll, dann Bos.
In Helene steigt Ärger auf. Karen macht, was sie will. Als ob es keine Regeln gäbe. Aber sie beißt sich auf die Unterlippe und lässt sich einschenken, obwohl Ulrike noch nicht da ist.
Sie ist viel zu verkrampft. Keine Gelassenheit, nur Ungeduld und plötzlich der Wunsch, dass es vorbei wäre. Warum ist Robert gekommen? Sie versucht, ihm zuzulächeln. Doch sie wird ihre Verärgerung nicht los. Da sitzen sie und wollen essen und unterhalten werden. Sie will aber niemanden unterhalten. Am liebsten würde sie ihre Laufschuhe anziehen und in den Wald verschwinden.
Dabei muss sie ein Gespräch beginnen. Sie beugt sich zu Robert hinüber. Kann es sein, dass er geschrumpft ist? Sie hat ihn größer in Erinnerung. Vielleicht liegt es an den Haaren. Er hat lange dieses gewaltige Bündel Rastalocken gehabt. Nun wirkt sein Kopf irgendwie nackt. Um seine Augen gibt es sogar schon ein paar Fältchen. Wegen einer Zigarette würde sie ihn bestimmt nicht mehr anschreien.
„Prost, schön, dass du da bist.“ Mit einem Schluck spült sie die leere Formel hinunter und verzieht das Gesicht. Der Rotwein ist zu kalt. Sie hätte ihn nicht ins Treppenhaus stellen sollen.
„Prost.“ Robert lächelt dünn. Während er schluckt, hüpft sein Adamsapfel. Bo, sie nimmt es aus den Augenwinkeln wahr, nutzt die Gelegenheit, ihr Glas bis auf einen kleinen Rest zu leeren.
„Wenn Ulrike nicht gleich kommt, wird der Auflauf kalt.“ Helene sieht gereizt zu Bo hinüber, die sich Wein nachfüllt.
„Soll ich noch mal nach ihr sehen?“, fragt Karen.
Sie will es entschärfen, denkt Helene. So war sie immer. Bloß keinen Streit. „Nein, wir fangen jetzt an. Sonst müssen alle kalt essen.“
Bo kichert und trinkt erneut einen großen Schluck. „Unsere Künstlerin kommt doch nie pünktlich.“
Sie ist so voller Gehässigkeit, denkt Helene, gegen jeden. Sie nimmt Roberts Teller und tut ihm eine große Portion auf.
„Nicht so viel.“
„Wieso, hast du keinen Hunger?“
„Ich mag Porree nicht besonders. Schon vergessen?“
Bo prustet los.
„Der Porree ist aus Bos Garten“, sagt Helene. Sie widert mich an, denkt sie, wie sie uns erwischen will. „Ökologischer Anbau. Und als Nachtisch gibt es Tiramisu, das hast du doch früher immer selber gemacht, weil es dir so gut geschmeckt hat.“
„Hallo.“ Ulrike steht in der Tür, mit einem orangefarbenen T-Shirt, das sie noch blasser macht, und einen langen, schmal geschnittenen schwarzen Rock. „Ich musste erst mal die Arbeitsklamotten wechseln.“ Sie lächelt. „Angesichts des Festessens.“
Helene sieht auf den gedeckten Tisch. Die Kerzen flackern, so dass der rote Wein in den geschliffenen Gläsern kleine unruhige Farbflecken auf das Tischtuch wirft. Unterm Licht der Porzellanlampen dampft der Auflauf. „Du kommst gerade richtig“, sagt sie mit einem Mal versöhnt.

Robert beobachtet, wie Helene sich entspannt, während sie sich zur Tür dreht. Dort steht die Frau aus der Tanzdiele, groß, blass. Sie geht ein wenig zögernd auf den Tisch zu und setzt sich. Im Licht schimmert ihre Stirn. Ihre Augen sind dunkel und schmal. Er kann ihre Pupillen nicht sehen. Sie legt die Hände auf den Tisch, zwei sehnige, ruhige Tiere.
„Ulrike“, sagt sie und lächelt in seine Richtung, aber irgendwie ein wenig an ihm vorbei.
„Robert, der vom Telefon.“
Ihre Augen lächeln nicht. Nur der weiche, große Mund hat die Mundwinkel heraufgezogen.
„Schön, dich kennenzulernen.“ Ihr Blick huscht kurz über sein Gesicht, dann bleibt er an seinem Ohr haften.
Mit den schmalen Augen und dem dunklen Zopf sieht sie wie eine Chinesin aus. Eine hochmütige und schüchterne Mingprinzessin. Oder eine Turnerin, denn die Muskeln ihrer Oberarme wölben sich leicht unter den eng anliegenden Ärmeln des T-Shirts wie unter einem Trikot. Sie ist diejenige, die all die Figuren in der Tanzdiele gemacht hat, und das kann er, während er sie ansieht, nicht so richtig glauben.
„Du bist die erste Bildhauerin, die ich kennenlerne. Ich habe sie mir immer ein bisschen, hm … kräftiger vorgestellt.“
„Ganz harten Stein haue ich nicht“, sagt sie rasch. Anscheinend ist sie daran gewöhnt, dass ihr niemand glaubt. „Es ist eine Frage der Technik. Dennoch ist es toll. Aus Stein kann man nur rausholen, was drinsteckt. Aber genau das ist das Spannende. In letzter Zeit arbeite ich aber mehr mit Ton, für Gussformen.“
„Ulrikes Atelier ist in der alten Tanzdiele“, sagt Helene.
„Habe ich schon gesehen. Vorhin hab ich schon mal durchs Fenster gelugt. Es sah ziemlich geheimnisvoll aus.“
„Das Zauberreich der Kunst“, bellt Bo dazwischen. „Prost, Ulrike. Das macht Eindruck.“ In ihre zottelige braune Jacke gewickelt, wirkt diese Bo, als hätte man eine Tanzbärin an den Tisch gelassen. Doch nun kriecht ihre Hand aus dem Fell, erstaunlich schmal, mit einem Ring am Mittelfinger. Sie greift nach dem Glas und leert es in einem Zug.
„Bo will sich heute betrinken.“ Helene ist längst wieder gereizt, Robert hört es an ihrer bewusst akzentuierten Aussprache. Bo geht ihr auf die Nerven. Und genau das scheint die zu beabsichtigen, denn jetzt gießt sie sich den letzten Rest aus der Flasche in ihr Glas und sagt bissig: „Geht leider nicht.“ Und zu ihm gewandt fährt sie fort: „Mach noch eine auf, Rro-bert. Die Künstlerin hat ja auch noch nichts abgekriegt.“
Sie hat sich zu ihm gedreht. Ihr mittellanges, wenig gepflegtes Haar fällt in Strähnen um den Kopf, der aussieht, als würde er in die Galerie der Büsten in der Tanzdiele passen, so traurig und wüst ist sein Ausdruck. Weinatem schlägt in sein Gesicht. Während sie mit ihrem Glas vor ihm herumfuchtelt, schaut sie ihn gar nicht an, sondern scheint irgendwie in sich selbst hineinzustarren.
„Mach am besten“, sagt Helene schneidend, „gleich zwei Flaschen auf.“ Sie fixiert Bo, der das überhaupt nichts auszumachen scheint, denn sie beginnt große Brocken Essen in sich hineinzuschaufeln.
„Schmeckt“, sagt sie. „Wird dir auch schmecken Rro-bert. Porree aus ökologischem Anbau.“
Sie rollt seinen Namen, als wollte sie auch noch mit dem gerollten Rrr Helene eins auswischen. Er zieht den Korken aus der Flasche, blickt kurz zu Karen. Sie sehen sich an.
Diese Bärin will das Abendessen sprengen, so viel ist klar. Karen weiß das, er liest es in ihrem Blick. Nachdem er Ulrike eingeschenkt hat, stellt er die Flasche auf den Tisch.
„Hey, lass uns anstoßen.“ Karen schwenkt ihm ihr Weinglas entgegen. Die geschliffenen Gläser klirren aneinander. Helene mag das nicht, natürlich nicht. Aus den Augenwinkeln heraus kann er das Zucken um ihren Mund sehen.
„Prost, Karo. Auf die alte ‚Tanne‘.“ Er spürt die Vertrautheit wieder, mit der sie immer zusammen waren. Das macht ihn gelassen. Zusammen mit ihr kann er sich dieses ganze Affentheater in Ruhe angucken.