Țuculescu, Radu: Stalin, mit dem Spaten voran!

PDFDrucken

Verkaufspreis24,00 €
Produkt Verfügbarkeitsdatum: 06.03.2018

Beschreibung

Radu Țuculescu
Stalin, mit dem Spaten voran!
Aus dem Rumänischen von Peter Groth
Roman

ca. 240 Seiten, gebunden, 135 × 210 mm
ISBN 978-3-95462-994-7

ET: März 2018


Ein Meisterwerk der rumänischen Gegenwartsliteratur

Dieser autobiografische Roman entwickelt sich auf zwei Ebenen. Die erste widmet sich der Kindheit des Protagonisten Adrian Loga in einem Provinzstädtchen unter einem stalinistischen Regime, wo er in einem multikulturellen Milieu unter Rumänen, Sachsen, Ungarn, Juden und Roma aufwächst. Er lernt den Hass der Kommunisten auf die Intellektuellen kennen. Unbekannte brechen ihm die Finger der linken Hand und setzen damit seiner Karriere als Violinist ein Ende.
Auf der zweiten Ebene befindet sich der erwachsene Adrian im Postkommunismus. Die Diktatur brachte ihm den Verlust seiner Karriere, die Demokratie das Scheitern seiner Gefühle. Wie viele andere versteht auch er kaum die neuen Umstände. Seine Frau verlässt ihn, um mit einem anderen Mann im Ausland zu leben. Er bleibt mit seiner Tochter zurück, die er fast inzestuös liebt. Er begegnet einer Studentin, die ihm einen Einblick in die Ziellosigkeit der Jugend gewährt. Sie muss Kunstbücher und Zeitschriften – und manchmal auch sich selbst – verkaufen, um zu überleben. Das Ende ist wie der Fall einer Guillo­tine …

Autor

Radu Țuculescu, geb. 1949 in Târgu Mures. (Rumänien), studierte am Konservatorium für Musik Violine, arbeitete mit einer Gruppe von Pantomimen und als Theaterregisseur. Er ist Leiter der Kulturabteilung des rumänischen Fernsehens, für das er auch als Redakteur und Produzent tätig ist. Er gehört der sogenannten »1980er Generation« Rumäniens an. Tuculescu veröffentlichte Lyrik, Theaterstücke sowie theatergeschichtliche Texte, Kurzprosa und Romane sowie Übersetzungen aus dem Deutschen ins Rumänische.

Leseprobe

An jenem Tag war ich in der Küche mit einem Malbuch beschäftigt. Das Radio stand auf dem Schrank. Es war eine große, braune Holzkiste. An der Vorderseite war ein gelbliches Netz, zwei Knöpfe, eine längliche Scheibe mit Linien und Zahlen, unter der sich ein rotes Streichholz bewegte. Es war ein deutsches Gerät. Ich nahm an, dass in dieser Kiste kleine Zwerge von der Größe des Däumlings versteckt waren, die den ganzen Tag redeten und sangen. Wenn Mama in der Küche arbeitete, dann war das Radio an. Während ich mit dem Ausmalen beschäftigt war, kamen mir Worte und Musikfetzen ins Ohr. An jenem Morgen sprachen die Zwerge mit ernsten, weinerlichen Stimmen und spielten langsame, traurige Musik. Es war ein Mann gestorben, den man Stalin nannte. Mir kam der Name bekannt vor, ich hatte ihn schon im Haus oder zwischen den Holzstapeln gehört.
Ich malte mit der Nase fast ans Papier geklebt. Mama schimpfte nicht mehr mit mir wegen meiner Haltung, wie sie es sonst immer tat und mich dann ermahnte, dass ich noch blind werde und eine Brille bräuchte. Sie war diesmal zu sehr mit dem Kochen beschäftigt. Am Abend sollten Gäste kommen. Mir erschien es seltsam, dass man ausgerechnet mitten in der Woche eine Feier machte. 
»Wer war Stalin?«, fragte ich Mama, ohne die Augen vom Blatt zu nehmen.