Kalies, Grit: Auf Zeit

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Verkaufspreis12,00 €

Grit Kalies
Auf Zeit
Gedichte

112 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-89812-545-1

 

Grit Kalies wirft einen scharfen Blick auf das Zeitgeschehen: auf Tagebaue und Deponien, auf menschliche Begrenzungen und Beschränktheiten, auf Liebe, die mit der Zeit geht, nicht zuletzt auf Worte. Selbst das Nichts vergeht. Der Ton ist klar und präzise, Reime werden lieber subversiv benutzt, als sie zu scheuen. Ihre Gedichte sind pointierte Gebilde aus Lakonie und Melancholie, lyrisch und eindringlich.

autorin

Grit Kalies, 1968 in Mecklenburg geboren, lebt in Leipzig. Sie studierte am Deutschen Literaturinstitut und habilitierte sich für physikalische Chemie. Nach Forschungsaufenthalten im In- und Ausland ist sie am Institut für Experimentelle Physik der Universität Leipzig tätig. Zuletzt erschien »Mitlesebuch 71« (2003).

Pressestimmen

»Seit langem ist nicht mehr mit derartiger Ernsthaftigkeit von der existentiellen Notwendigkeit von Poesie gesprochen worden.«
fixpoetry.com, 1. März 2011

Leseprobe

Hainer See

im Gegenlicht ein Falke
über dem Bergbaufolgesee
Mäusepaläste im Boden
Huflattich, der Ödnis liebt
Steinklee und Vogelwicke
Spatzen in der Nische hinter
dem Haus, dem Refugium
für eine Wechselkröte
Lerchen, die steigen, und
dieser ungehemmte Wind
in diesem leer stehenden Wald


Artischockenessen

Die französischen Kinder
im Centre de Récréation
ziehen geschickt mit den fünfjährigen
Fingern die äußeren Blätter ab,
peu à peu. On mange le coeur,
sagt eins und tunkt die Blätter
in Senfsauce. Bis es frei liegt:
C’est bon, l’essay! Es passt
genau in den Mund. Das Herz
passt genau in den Mund.


Der Satz

Es hing der Satz Ich liebe dich
im Raum. Ein Geier, ein
Adler, eine Angel, ein Traum.
Und suchte ein Opfer.

Ein riesiger Schnabel, ein jähes
Geschoss, die sehnende Sehne:
Ich liebe dich, ich liebe dich.
Und suchte ein Opfer.

Kam einer daher.
War er schon alt?
Was zählt es, wohl ahnend,
er ginge schon bald.

Schielte hoch zu der Sehne,
bot sein Fleisch zum Gehack:
Ich liebe dich, ich liebe dich.
Und spielte das Opfer.

Und der Satz stürzte nieder,
schlug ein in den Leib,
in die Augen, den Mund:
Ich liebe dich, ich liebe dich.

Und das Blut floss in Strömen.
Und der Haken saß fest.
Und der Adler fraß Fleisch.
Und der Geier fraß Aas.

Und es gab kein Entkommen.