Steier, Christoph: Framhuysen

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Verkaufspreis16,00 €

BESCHREIBUNG

Christoph Steier
Framhuysen
Kriminalnovelle

144 S., geb. mit SchU
ISBN 978-3-89812-616-8

 

Cord Framhuysen kann sich überall einrichten. Als Haushüter in Diensten der exklusiven Agentur CASA verbringt er seine Tage in den Domizilen der Reichen und Schönen. In über zwanzig Berufsjahren ist es dem ehemaligen Tennislehrer gelungen, die Kunst des spurenlosen Lebens zu perfektionieren und jeden Zwischenfall zu vermeiden. Doch dann kommt der Tag, an dem diese Serie ein Ende findet: Framhuysen hat sich kaum im Landhaus des bekannten Schauspielers Kuhn eingerichtet, als zwei ungebetene Gäste auftauchen. Zwischen einer fast vergessenen Tochter und einem Fremden, der ihm merkwürdig vertraut vorkommt, droht Framhuysen immer mehr die Orientierung zu verlieren. Am Ende einer ereignisreichen Nacht stehen zwei Kriminalfälle – und nur ein Verdächtiger. Erst spät erkennt Framhuysen, in welches Spiel er geraten ist. Zu spät, um doch noch den Big Point zu schlagen?
Framhuysen erzählt die unerhörte Begebenheit eines Haushüters, der wider Willen zum Eindringling wird. Unterhaltsam, spannend und hintergründig zeichnet Christoph Steier das Porträt eines Exzentrikers im Verborgenen, dessen Alltag sich um die Frage dreht, welche Spuren ein Leben hinterlässt. Und welche besser nicht...

autor

Christoph Steier, geboren 1979 in Bielefeld, lebt als Autor und Literaturwissenschaftler in Zürich.

Pressestimmen

»Framhuysen ist ein Buch - und das ist ein Grund, aus dem ich es empfehle - das, im besten Sinne, konstruiert ist. Im Unterschied zu Büchern, die aus dem Bauch heraus geschrieben worden sind, ist diese Novelle sehr intellektuell konstruiert - was eine wichtige Art ist, Literatur zu betreiben. An der Konstruktion habe ich als Leser Freude.«
Buch der Woche, WDR5 Literaturmagazin »Bücher« , 6. Juni 2009

»Diese Kriminalnovelle ist elegant. Elegant und obendrein intelligent. Sie ist kurzweilig und unbedingt leseanreizend geschrieben.«
eic-life.de

»Dieser Autor hat mich schon im letzten Jahr fasziniert mit seinem Buch ›Tauchertage‹. Sein Krimi ist nun so ganz anders, aber trotz der anderen Form wiederum sehr gelungen. Dicht und stimmungsvoll in einer eindringlichen, bildhaften Sprache präsentiert der Autor diese spannende Kriminalnovelle. Hervorragend!«
Blickpunkt (Rundbrief des Nordelbischen Verbands evangelischer Büchereien e.V.), Nr. 1/2009

»Eine spannende Kriminalnovelle, geschrieben in einem ebenso fesselnden wie literarisch feinen, hintergründigen Stil.«
medienprofile, Jg. 54/2009, Heft 2

»Feinfühlig und detailliert zeichnet der junge Autor Christoph Steier eine Geschichte, deren Länge zwar genau richtig, dann aber doch wieder fast zu kurz ist. Absolut lesenswert!«
MDR Sputnik, 4. Mai 2009

»Spannend, schlüssig, wunderbar erzählt.«
Leipzig Live, 12. März 2009

»Das zweite Werk des Autors ist eine Kriminalnovelle. Und ein kleines Juwel.« (5/5 Sterne)
FHM, März 2009

»Christoph Steier hat ein Talent, Klischees anzuspielen, sehr geschickt zu unterlaufen und Erwartungen zu enttäuschen. Ein Buch voller überraschender Wendungen und voller Gesichter. Eine sehr amüsante Lektüre.«
Sendung »Mikado« auf hr2, 2. März 2009

Leseprobe

Im Inneren des Hauses schlug eine Uhr. Framhuysen warf einen Blick auf sein Handgelenk und gähnte. Elf Uhr. Erleichtert, die Strapazen des Ortswechsels hinter sich zu haben, beschloss er eine viertel Stunde zu dösen, um anschließend die Geruchsrunde zu drehen und eine Kleinigkeit zu essen.
Er schloss die Augen, genoss das vom Pool reflektierte Licht auf seinem Gesicht und versuchte, nicht auf das Knurren seines Magens zu achten. Eigentlich war es zu früh. Andererseits schienen die besonderen Umstände die Abweichung zu rechtfertigen. Während er noch zwischen Ravioli und Hühnersuppe schwankte, drehte Framhuysen den Stuhl in die Sonne und schlief ein.
Als er wieder erwachte, schlug die Uhr halb zwölf. Doch hatte ihn nicht das leise Geräusch in seinem Rücken aufgeschreckt, sondern das jäh in seinen traumlosen Schlaf einbrechende Bild der leeren Penthousewände. Die weißen Flecken hatten sich von der Wand gelöst und waren auf ihn zugeschwebt, als wollten sie ihn unter sich begraben.
Der Anblick des Bootshauses beruhigte ihn wieder. Er hoffte, es noch ebenso unberührt vorzufinden wie im vergangenen Jahr. In fast jedem Domizil gab es einen solchen Ort, der im Laufe der Jahre in Vergessenheit geraten und achtlos zugestellt worden war. Framhuysen spürte diese Plätze, die ihren Besitzern fremd geworden waren und dem Fremden auf diese Weise einen Schlupfwinkel boten, mit großer Sicherheit auf. Die Achtlosigkeit der Bewohner erlaubte dort ein Maß an Entspannung, das in den Wohnräumen fatal gewesen wäre. Auch verriet das aussortierte, aber nicht entsorgte Gerümpel häufig mehr über die Klienten als ihre ausgestellte Habe. Framhuysen war nicht neugierig, im Gegenteil. Doch für das Geschäft des Haushütens, das im Wesentlichen auf Einfühlung beruhte, waren die Ergebnisse dieser privaten Abfallarchäologie von großem Nutzen.
Framhuysen fuhr sich mit dem Handrücken über die Lider und stand auf. Für einen Moment war ihm, als hätte in der Nähe des Bootshauses etwas aufgeblitzt. Wahrscheinlich der Fluss. Später würde er seine Sonnenbrille brauchen, doch nun war es Zeit für die Geruchsrunde.
Vor der Terrassentür blieb Framhuysen stehen und betrachtete sein Spiegelbild in der Scheibe. Im Sonnenlicht sah sein hellgraues Haar dünner aus als im Spiegel, deutlich zeichnete sich die Kopfhaut unter den Strähnen ab. Auch sein Bauch war nicht in Bestform. Er drehte sich zur Seite, um die Wölbung unter der Weste genauer zu studieren. Er war groß und bis auf die kleine, seit Jahren konstant gehaltene Kugel schlank. Und dabei sollte auch es möglichst lange bleiben, schließlich war seine Statur ideal für seinen Beruf. Er nahm nur wenig Raum ein und verbrachte kaum Zeit mit Essen, dessen Zubereitung erfahrungsgemäß die größten Umstände machte. Und Umstände bedeuteten Spuren.

Das Wohnzimmer hatte die Größe eines Ballsaals. Das Parkett lag weitgehend frei, wohingegen die Wände mit Bildern förmlich tapeziert waren. Neben einigen großformatigen Gemälden, deren Zusammenstellung Framhuysen etwas willkürlich erschien, fanden sich vor allem Fotografien, die den Hausherrn mit der versammelten deutschen A-Prominenz zeigten. Bei einigen hatte Framhyusen schon gehütet und es war wahrscheinlich, dass Kuhn über einen von ihnen an die Agentur gekommen war. Im Telefonbuch fand man sie jedenfalls nicht. Auf einem Sideboard stand die Parade der im Laufe einer langen Karriere angehäuften Preise. Die meisten Figuren waren geschmacklos, aber tadellos abgestaubt.
Die Kaminecke bildete die einzige gemütliche Insel in dem ganz auf Repräsentationszwecke abgestellten Raum. Sie wurde von einem ausladenden, aus senfgelben Lederwülsten zusammengeschichteten Sofa aus den Siebzigern abgeschirmt, das eher Kunst war als bequem. Wie Framhuysen aus den Vorjahren wusste, bot die obere Etage ein anderes Bild. Dort dominierte das Private, es herrschte ein sympathisches Chaos zwischen Landhaus, Plunderkammer und Bibliothek.
Schon beim ersten Mal war Framhuysen in der Kaminecke, die von einer Galerie überlagert wurde, ein mit Brandlöchern und Druckstellen übersätes Büffelfell aufgefallen. Bei der Begehung hatte ihn ein Assistent aufgeklärt: Kuhns Familie hatte das Fell zur ersten Friedensweihnacht von einem nach Argentinien emigrierten Vetter geschenkt bekommen, jedoch immer in derart bescheidenen Verhältnissen gelebt, dass es ein kümmerliches Dasein unter Tischen und Schränken hatte fristen müssen. Kuhns ganzer Ehrgeiz sei nun darauf gegangen, sich in Verhältnisse emporzuarbeiten, die dem Fell einen gebührenden Platz einräumen würden. Das war ihm gründlich gelungen. Seinem Haus war anzumerken, dass es niemals einen anderen Herrn gekannt hatte. Alles war ganz auf Kuhn abgestimmt, die üblichen Kompromisse fehlten.
Die Anekdote hatte Framhuysen den Schauspieler sofort sympathisch gemacht. Als Haushüter wusste er, dass die Dinge ihren Wert solchen Geschichten verdankten. Der Assistent war weniger begeistert gewesen. Er hatte Framhuysen ein Spray in die Hand gedrückt und die Nase gerümpft. »Der Lappen stinkt bestialisch. Aber der Alte will sich nicht davon trennen. Jede Woche sprühen wir das Ding hinter seinem Rücken mit diesem Zeug ein, und das sollten Sie auch tun, falls Sie sich hier aufhalten wollen!«
Framhuysen schüttelte den Kopf, als er an die Worte des Assistenten dachte. Was hatte der Mann für Vorstellungen vom Haushüten? Natürlich würde er den Geruch konstant halten. Die Angestellten der Agentur waren eigens dafür ausgebildet. Die Chefin wusste, dass Heimat dort war, wo die Nase Entwarnung gab.