Kaufholz, Bernd: Der Würger im Strohsack

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Verkaufspreis9,95 €

BESCHREIBUNG

Bernd Kaufholz
Der Würger im Strohsack
Authentische Kriminalfälle

2. Auflage
168 S., geb. mit s/w-Abb.
ISBN 978-3-89812-598-7

 

Von 1963 bis 1972 reicht der zeitliche Rahmen der authentischen Kriminalfälle, die der Madgeburger Reporter Bernd Kaufholz in seinem neuen Band unter die Lupe nimmt. Wieder hat er sich durch Berge von Archivalien und zeitgenössischem Pressematerial gearbeitet, um aufsehenerregende Verbrechen zu rekonstruieren.
Viele dieser Fälle, die seinerzeit kaum die engen Grenzen der lokalen Medienberichterstattung überschritten, werden erstmals vollständig sichtbar: Mord an Minderjährigen, am eigenen Kind, der Freundin oder Frau, am Gatten, am Lehrer oder auch an einem Rentner. Vielfältig wie die Tatumstände sind auch die Motive: Eifersucht, sadistische Triebe, Eheprobleme, Habgier.
Kaufholz begleitet die Ermittlungen bis hin zum Gerichtsverfahren, befasst sich mit Opfern wie Tätern – und entwirft so auch ein Zeitbild des »anderen Deutschland« vor 1989.

autor

Bernd Kaufholz, geb. 1952 in Magdeburg, Studium der Journalistik, seit 1976 bei der »Volksstimme« in Magdeburg, 1993–2012 Chefreporter der »Volksstimme«. Seit August 2012 Sprecher des Ministeriums für Landesentwicklung und Verkehr Sachsen-Anhalt.

Leseprobe

Es ist 18.30 Uhr. Hockes Blick fällt auf einen alten Strohsack, der neben dem Ofen gegenüber der Herrentoilette liegt. »Wenn ich den überstreife, erkennt mich die Lembke nicht«, glaubt der Angetrunkene. Er greift zum Taschenmesser und kürzt den Sack so, dass er ihm nur noch bis zu den Knöcheln reicht. Dann schneidet er Armschlitze hinein.
So vermummt, trippelt er zum Lichtschalter am Fuße der Treppe. Er weiß, dass es oben keinen Schalter für die Flurbeleuchtung gibt. Hocke knipst das Licht aus, um die Reinigungskraft nach unten zu locken. Dann stellt er sich auf die Schwelle der Herrentoilette und wartet. Er will die Putzfrau in den Vorraum des WC ziehen, nachdem sie heruntergekommen ist, um das Licht wieder anzuschalten.
Nach zehn Minuten hört er Gertrud Lembke auf der Treppe. Als die Frau gerade zum Schalter greifen will, springt er vor, packt sie am Arm und an der Schulter und will sie in den Toilettenraum zerren. Doch die 49-Jährige setzt sich trotz des Schrecks, der ihr in die Glieder fährt, kräftig zur Wehr. Sie schreit laut um Hilfe, versucht den Hausmeister abzuschütteln und zur Haustür zu laufen.
Mit so viel Gegenwehr hat der Täter nicht gerechnet. Er glaubte, mit der vermeintlich unterlegenen Frau leichtes Spiel zu haben.
Doch kurz bevor Gertrud Lembke auf die Türklinke fassen kann, reißt sie Hocke zu Boden. Dabei schlägt das Opfer mit dem Hinterkopf hart auf den Fliesenboden auf und ist benommen. Hocke fällt mit und liegt halb auf ihr.
Die kurze Rangelei hat den Hausmeister jedoch nicht von seinem Vorhaben abgebracht. Er befürchtet lediglich, dass seine Frau die Schreie gehört haben könnte. Deshalb packt er sein Opfer unter den Armen und zieht es in den Vorraum der Herrentoilette. Nachdem er es hinter der Türschwelle abgelegt hat und noch darüber nachdenkt, wie er weiter verfahren will, hört er auf dem Hof auch wirklich seine Frau nach ihm rufen: »Helmut. Helmut, bist du da?«
Hocke schleicht zur Eingangstür und schaut durch den Spalt. Im Licht der Hoflampe sieht er seine Frau am Kohlenkeller vorbeigehen. Zielgerichtet steuert sie auf die Tür zu, hinter der ihr Mann steht. Hocke nimmt leise das große Schlüsselbund aus seiner Kitteltasche und schließt die Tür ab. Dann bleibt er regungslos und mit angehaltenem Atem hinter dem Eingang stehen. »Helmut, Helmut«, hört er erneut. Dann entfernen sich die Schritte. Seine Frau geht zum Hauptgebäude zurück.
Der 33-jährige Hausmeister bleibt noch ein paar Minuten stehen und geht dann zum Toilettenraum. Dort liegt Gertrud Lembke immer noch regungslos auf dem Fußboden. Er stellt sich an die Heizung am Fenster und zündet sich unter seiner Vermummung eine Zigarette an. Das Licht der Hoflampe taucht das Klo in schummeriges Licht. Dem Täter kommt es in den Sinn, sein Opfer zu fesseln, zu knebeln und es zu vergewaltigen, wenn es wieder zu sich kommt. Hocke denkt an ein Kneipengespräch. In einer Männerrunde war darüber gesprochen worden, dass ein Mann vom Verkehr mit einer bewusst- oder leblosen Frau nichts habe. Dieser Gedanke hält ihn davon ab, sich sofort über die Regungslose herzumachen. Er will warten, bis sie wieder die Augen aufschlägt.