Reglindis Rauca
Vuchelbeerbaamland
Roman
3. Aufl. 2009
208 S., geb. mit SchU
ISBN 978-3-89812-542-0
Förderpreis für Literatur der Landeshauptstadt Düsseldorf 2008
Irgendwie stimmt es von Anfang an nicht. Marie hat rote Haare und fühlt sich wie ein Hexenkind. Als ebenso widerspenstiger wie unsicherer Wildfang wächst sie im idyllischen Vogtland auf. Stoisch blendet die Mutter alles aus, was über den engsten Familien- und Kirchenkreis hinausgeht, der Vater erzieht die Kinder warmherzig, aber voll unterschwelliger Wut auf »die Roten«. Man verhält sich unauffällig – Marie jedoch fällt aus dem Rahmen.
Bei den Mitschülern unbeliebt und in der eigenen Familie immer wieder aneckend, leuchtet ihr einfach nicht ein, was an der staatlichen Ideologie so schlecht sein soll. Bis ihr Weltbild grundlegend erschüttert wird, als der in Kanada lebende Großvater an die BRD ausgeliefert wird und Marie erfahren muss, dass das einzige Familienmitglied, dem sie sich wirklich verwandt fühlte, ein international gesuchter SS-Verbrecher ist.
»Vuchelbeerbaamland« erzählt auf originelle Weise nicht nur eine Geschichte vom Erwachsenwerden im deutschen Osten, sondern von der überall schwierigen und konfliktreichen Suche nach Orientierung und Identität in der Vielschichtigkeit und Brüchigkeit der Systeme.
Die Autorin
Reglindis Rauca, geboren 1967 in Plauen, lebt in Düsseldorf. Ausbildung zur Krankenpflegerin in Dresden, Schauspielstudium an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« Berlin. Engagements an verschiedenen Theatern. Tätigkeit als Werbetexterin und Grafikerin. »Vuchelbeerbaamland« ist ihr erster Roman.
Weitere Informationen unter http://www.reglindisrauca.de.
Pressestimmen
»Ein gelungenes Romandebüt, ein Stück Zeitgeschichte.«
Kunststoff, April 2008
»Endlich mal wieder ein Buch, das man nicht aus der Hand legt, in das man sofort eintaucht, man wird Teil der Geschichte, fühlt mit. Liest nicht, sondern erlebt. Diese Virtuosität in der Sprache habe ich zuletzt bei Jurek Becker gefunden und geliebt.«
amazon.de, 6. April 2008
»Ein außerordentliches, großartiges Buch. Bemerkenswert an diesem literarischen Debüt ist die Sicherheit der Komposition und die souveräne Nutzung auch moderner künstlerischer Mittel. Da wird zwar in der Regel chronologisch erzählt, aber Rückblenden, Assoziationen, lyrische Einsprengsel oder auch der sichere Umgang mit der Syntax machen das Buch lesenswert und spannend.«
Vogtland-Anzeiger, 12. Juni 2008
»Von der ersten bis zur letzten Zeile hält die Autorin den Leser in Atem - es ist ein feines, warmherzig empfundenes Buch. Reglindis Rauca schreibt unverstellt autobiografisch und mit großem literarischen Talent in einer reifen Sprache.«
Freie Presse, 8. August 2008
»Reglindis Rauca hat einen Roman geschrieben, in dem das Grauen zwischen den Zeilen schwebt. Es ist aber auch ein poetischer Text geworden, gespickt mit Zitaten aus Gedichten von Christian Morgenstern.«
Brigitte Woman, November 2008
»Ein heimlicher, umstrittener Bestseller.«
unsere zeit, 19. Dezember 2008
»Ein Buch, das mit Details über das Alltagsleben in der DDR besticht. Sehr genau und bewegend beschrieben werden die Ängste und Schuldgefühle des schmalen, rothaarigen Mädchens, das von den Mitschülern verspottet und ausgestoßen wird.«
Dresdner Neueste Nachrichten, 3./4. Januar 2009
»Dem Mitteldeutschen Verlag ist mit Reglindis Rauca die Entdeckung eines besonderen literarischen Talents gelungen.«
kulturkurier.de
»Reglindis Rauca lässt Kindheit und Jugend im Osten in Form der freien Assoziation auferstehen. Ihre Sätze sind mal weitläufige, verschachtelte Gebilde, mal nur einzelne Worte. Statt in Ostalgie zu verfallen, blickt die 42-jährige Autorin aus Plauen mit journalistischer Distanz und Zynismus auf die dörfliche und ideologische Enge: auf die Leere der Geschäfte, die Verlogenheit der Kirche, die ewigen Parolen.«
kulturnews.de
Leseprobe
Wassergefängnis
Eine Horde sieben-, achtjähriger Mädchen und Jungen stürzt aus der roten, gründerzeitlichen Backsteinschule, hüpft, juchzt, gackert und lärmt den Berg hinunter, jeden Dienstag. Die Birken zwischen den Plattenbauten stehen noch nackt und kahl, die Luft riecht halb nach Schnee, halb schon nach Frühling. Beutel baumeln an den Armen, über den Rücken. Von hier oben hat man einen wunderbaren Blick auf das majestätische Rathaus, die alte Elsterbrücke und die alles überragenden Türme von St. Johannis. Am Jungfernstieg vorbei, durch die Unterführung, über die früher die Untere Bahn fuhr, jetzt wuchert hier wilder Majoran und verschissene Kamille, Trampelpfade führen durch kniehohes Gestrüpp ins Nichts, nachts treffen sich hier dubiose Gestalten, pissen in die Ecken und tun unanständige Dinge. Es stinkt nach Bier und Vergewaltigung. Gras wächst drüber, pfeifend wandern die Jungen Pioniere. Aus dem Bäckerladen duftet es nach frisch gebackenem Brot, goldbraune Doppelsemmeln, saftiger Bienenstich und Butterkuchen türmen sich in der Auslage. Das Ladenmädel wischt sich das Gesicht mit der Schürze ab, die Leute kaufen wie verrückt, kaum, dass sie drin mit dem Backen nachkommen. Die große Straße überqueren, mehrere Trabis halten an, drei Wartburgs, ein Lada. Da steht es, das verwunschene Wasserschloss.
„Zweierreihen, bitte!“ Die Lehrerin zählt ab, alle da, niemand ausgebüchst. Sie öffnet die schwingenden Doppeltüren. Marie tritt mit den anderen in die große Halle: reiner Jugendstil, hoch gewölbt, blaugrün schillernde Kacheln an den Wänden, ein langes, geschwungenes Messinggeländer läuft blitzend daran entlang und endet in kunstvoll geschliffenen Knäufen. Starker Chlorgeruch aus allen Ritzen. Eine enge Treppe windet sich hinauf zu den Umkleiden, Einzelgarderoben und Kabinen mit abwaschbaren grünen und gelben Vorhängen, die Mädchen in einen großen Raum, Jungs in einen anderen. Eine glattpolierte, saubergewienerte hölzerne Bank rundherum. Schweiß hängt in der Luft.
Marie legt das Häuflein Klamotten neben sich, zieht die Knie ans Kinn, umklammert sie. Bonjour Schafott.
Die Lehrerin kommt herein, im roten Badeanzug, durchtrainiert, lange, braungebrannte Beine, schöner Busen, schlanke Taille, das schwarze Haar lässig hochgesteckt. „Hopp, Mädels, Handtuch und Seife nicht vergessen. Hat jede eine Badekappe? Mir nach!“
Aus der Kabine rechts herum schwenken, der Chlorgeruch wird stärker, pfeifendes Brüllen und Schreien dringt nach oben, jedes Wort aus der Halle wird dreifach zurückgeworfen. Sie gehen über die Galerie, die wie ein Rang im Theater oder die Empore in der Johanniskirche auf halber Höhe die Halle durchläuft, als Tribüne für Wettkämpfe und Zuschauer. Den engen Gang hinunter, die blumige Waschtasche in einem der seifenschmierigen Fächer abstellen, unter die Brause.
„Fertig, Kinder?“
Das Wasser zeichnet bewegte Schatten, verschnörkelte Seepferdchen spiegeln sich auf seiner verzerrten Oberfläche. Rechts Fenster, kleine runde Bullaugen, durch die der frühe Morgen sein trübes Licht wirft. Die Decke wölbt sich hoch und wirft die Spiegelungen des Wassers zitternd zurück. Achtundzwanzig nackte Füße trippeln am Beckenrand entlang, stellen sich auf, Zehe an Zehe.
„Stillgestanden! Richt euch! Augen geradeaus! Zur Meldung die Augen links! – Frau Blumenkohl, ich melde, die Klasse 2a ist zum Schwimmunterricht angetreten.“
Bedrohlich wankt die Wand. Marie heftet die Augen fest auf die Jugendstilkacheln gegenüber.
Lieber den ganzen Tag Mathearbeiten schreiben, einen Aufsatz nach dem anderen, als hier stehen und hoffen, dass aus mir ein Fisch wird. Schillernde, goldene Schuppen an den Schlüsselbeinen wachsen und Flossen aus den spitzen Knöcheln. Lieber Gott, lass es an mir vorübergehen, lass mich wieder nur ins Seichte müssen, auf den weißen Korkringen treiben, auch wenn sie die Haut an den dünnen Armen zwacken und quetschen.
Der Chlorgeruch beißt in den Augen und setzt das Denken schachmatt.
„Alle mir nach!“, ruft die Lehrerin mit hoher Stimme. Die Füße setzen sich in Bewegung, rechts das flache Wasser, links das tiefe für Schwimmer, die Lehrerin nimmt den Weg nach links. Marie ist kein Schwimmer, sie stellt sich ganz hinten in der Reihe an. Die Kinder springen ins Wasser, ein Junger Pionier nach dem anderen, manche köpfen munter hinein, andere hopsen zaghaft in die Tiefe. Die Reihe wird kürzer, Kati zögert, wird ermuntert, springt, die blonde Katja mit kräftigem Schwung, das Wasser spritzt, nur noch drei Mädchen vor Marie, sie tauchen, schwimmen – platsch, die nächste, die Sportlehrerin steht daneben, Katja prustet und paddelt, jetzt Betty, Marie steht vor dem gurgelnden Grund, grünsichtig, die Kacheln schwanken.
„Spring!“, ruft die Lehrerin.
Marie starrt ins Wasser. Sie steht wie angewurzelt, Arme und Beine gelähmt.
„Du sollst springen!“
Lichthelle Schatten an der Wand. Die Lehrerin wartet und sieht Marie ungeduldig an. Drei Meter, fünf Meter, zwölf Meter, fünfundvierzig Meter, unendlich tief. Nie wird sie von dort wieder auftauchen, es ist das Ende.
„Spring!“
Die bleichen, blauen Knie zittern. Jemand nimmt sie in die Zange, sie fühlt sich umklammert, zappelt, schreit wie angestochen, ahnend, was kommt, windet sich in den Fängen der Lehrerin, schlägt wild um sich. Ihre spitzen Schreie schmettern gegen die gewölbte Decke und gellen hundertfach zurück. Die anderen sehen sich erschrocken um. Hände lösen sich, Augen lösen sich, Knochen lösen sich, sie schwebt für den Bruchteil einer Sekunde im All, über ihr stirbt der Schrei hallend in der Kuppel, sie greift wie wahnsinnig in die Luft, dann klatscht das Wasser über ihr zusammen.
Über ihr grünes Chlorwasser, unter, neben sich, nicht atmen, nicht schlucken, wohin, links, rechts, sie paddelt panisch, erscheint an der Oberfläche, ringt nach Luft, etwas Hartes fasst an den Hinterkopf, schiebt sie vorwärts, der Gummi der Badekappe verrutscht, was ist das, sie sieht am Beckenrand hoch, an einer glänzenden Stange aus Aluminium entlang, erfasst vier braungebrannte nackte Zehen mit rot lackierten Nägeln in rosa Badelatschen aus Plastik. Die Lehrerin hat eine lange Stange in der Hand, mit einer stählernen Gabel am Ende, die auf Maries Hinterkopf sitzt, ihren Kopf über Wasser hält und sie gleichzeitig unaufhaltsam vorwärts drängt, links die Beckenwand, rechts die bunte Plastikschnur, nichts zu greifen. Das Eisen schiebt und schiebt, alle anderen haben das rettende Ufer längst erreicht und planschen im Seichten.
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